Un/Sicherheit und Geschlecht in der Frühen Neuzeit
29.-31. Oktober 2026
31. Fachtagung des Arbeitskreises Geschlechtergeschichte der Frühen Neuzeit
Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart – Tagungszentrum Hohenheim
Call for papers
Sicherheitsbedenken und vor allem Unsicherheit sind derzeit allgegenwärtige Begriffe, angesichts unterschiedlicher Bedrohungslagen und Instabilitäten im Politischen wie auch im Privaten, verbunden mit dynamischen, vielschichtigen Transformationsprozessen. Während für die Moderne Fragen von Sicherheit schwerpunktmäßig im Kontext von Politik und „Staat“ als Sicherheitsakteure in Fragen militärischer, sozialer und ökologischer Kontexte diskutiert werden, stellt sich die Situation für die Vormoderne und die Frühe Neuzeit durchaus vielschichtiger und ambivalenter dar.
Vorstellungen und Praktiken von Sicherheit, Repertoires für den Umgang mit Unsicherheit und zur Ausbildung von Resilienz waren in ein kosmologisches Weltbild integriert; transzendente Kräfte, seien dies die Gestirne, Engel oder Gott selbst waren als „Sicherheitsakteure“ aktiv, deren Wirken für fundamentale Gefahren und Katastrophen verantwortlich gemacht wurden oder auf deren Hilfe man in Gefahrensituationen setzte. Zugleich verorteten sich Sicherheit und Unsicherheit im europäischen Kontext in einem ständischen Gesellschaftsmodell, das von rechtlicher Ungleichheit geprägt war. Sicherheit war insofern entlang der miteinander verschränkten Differenzmarkierungen ungleich verteilt, verfügbar oder einzufordern. Zudem veränderten sich die religiösen, politischen, rechtlichen, ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen im Verlauf der Frühen Neuzeit; auch drohten Krisen und Kriege, noch mehr Unsicherheit und Gefahr in das Leben der Menschen bringen.
In den aktuellen „security-“ und „uncertainty studies“ sind geschlechterbezogene, insbesondere historisierende Fragestellungen noch deutlich unterrepräsentiert. Ebenso ist in der Geschlechtergeschichte eine Auseinandersetzung mit Fragen von „Un/Sicherheit“ nicht systematisch thematisiert worden.
Der Arbeitskreis Geschlechtergeschichte greift dieses Forschungsdesiderat auf und lädt dazu ein, sich mit Fragen von geschlechterbezogenen Aspekten von Sicherheit und Unsicherheit in der Frühen Neuzeit auseinandersetzen. Vorträge (30 min.) können folgende Themenbereiche behandeln:
- Soziale und ökonomische Sicherheit: Vor dem Entstehen sozialer Sicherungssysteme waren Menschen im Falle von Invalidität, Krankheit, Behinderung oder Alter auf die Unterstützung anderer angewiesen – welche Strategien wurden angewandt, um sich einer späteren Unterstützung sicher sein zu können, und welche geschlechterbezogenen Unterschiede gab es in der Aktivierung von Sorgearbeit, von Vermögens- und Besitztransfer?
- Sicherheit und Religion/Konfession: Inwiefern schuf die religiöse und konfessionelle Pluralisierung, Abgrenzung und Gewalt Un-/Sicherheit, welche religiösen Praktiken im Umgang mit dieser Unsicherheit gab es? Inwiefern waren sie geschlechterbezogen differenziert, z.B. in Bezug auf das Seelenheil, im Kontext von Mission?
- Im Kontext der frühneuzeitlichen Verflechtungsprozesse und globaler Perspektiven: Wie zeigt sich Un/Sicherheit in den unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen der Frühen Neuzeit global? Welche Rolle spielte dies im Kontext von Kulturkontakten und/oder der Entstehung von kolonialen Strukturen?
- Sicherheit und Unsicherheit in militärischen Zusammenhängen: Wie gingen männlich und weiblich markierte Teilnehmende an kriegerischen Auseinandersetzungen und Konflikten mit Gefahren wie körperlicher Schädigung oder Todesnähe und -angst um? Wie wurde sexuelle, sexualisierte und geschlechtsbezogene Gewalt in Kriegszeiten (auch Einquartierungen, Gartknechte, Flucht etc.) eingeordnet bzw. erlebt/ dargestellt?
- Gewalthandeln und (Straf-)Recht: Gab es Formen der Beförderung oder der Eindämmung femizidaler Gewalt; wie wurde Un/Sicherheit im Kontext von häuslicher Gewalt oder sexuellen Übergriffen thematisiert? Welche legitimen und illegitimen Praktiken der Zurückweisung alltäglicher bzw. lebensweltlicher Gewalt und welche persönlichen bzw. institutionellen Gegenstrategien lassen sich identifizieren?
- Begriffs- und diskursgeschichtliche Aspekte: Inwiefern waren Vorstellungen von Sicherheit und Unsicherheit vergeschlechtlicht? Lassen sich geschlechterbezogene Unterschiede im Hinblick auf Zuschreibungen von sicherheitsgefährdend, -herstellend oder -bedürfend feststellen?
- Wissens- und Wissenschaftsgeschichte: Schon lange gehören in deren sozial- und kulturgeschichtlich ausgerichteten Ansätzen Fragen nach der Historizität von Gewissheit zum Kanon, ebenso nach Formen der Infragestellung vermeintlich gesicherten Wissens. Dies interessiert unter geschlechtergeschichtlichen Perspektiven: Wer beteiligte sich an neuen Praktiken und Institutionen des Wissens, wer benutzte Objekte und Instrumente, die wahrgenommene Ungewissheit zu eliminieren versprachen? Welche geschlechterbezogenen Voraussetzungen hatte deren Einführung und welche Folgen für Akteur:innen verschiedener Zuschreibungen in den unterschiedlichen Wissensfeldern?
- Un/Sicherheit und soziale Verhältnisse: (Wie) Lassen sich derartige Aspekte von Un/Sicherheit auch allgemeiner mit den typischen Gesellschaftsordnungen der Frühen Neuzeit und ihren Geschlechterordnungen zusammendenken?
Die jährlichen Tagungen des Arbeitskreises bieten eine Plattform zur Präsentation und Diskussion aktueller Forschungsarbeiten, sehr gerne auch von Nachwuchswissen-schaftler:innen. Zugleich dienen die Treffen dem Informationsaustausch, der intergenerationellen Vernetzung sowie der methodischen, konzeptuellen und theoretischen Auseinandersetzung. Von Historikerinnen organisiert, sind die Treffen immer auch ein Ort der Inter- und Transdisziplinarität. Durch die Heterogenität der Teilnehmer:innen legen wir vor allem darauf Wert, dass die einzelnen Beiträge maßgeblich den Fokus auf Fragen der Methode und der Methodologie richten.
Vortragsvorschläge (Abstract und CV, jeweils ca. 5.000 Zeichen) richten Sie bitte per E-Mail bis zum 15.04.2026 an:
inken.schmidtvoges[:]uni-marburg.de
Wir weisen darauf hin, dass für Referent:innen in der Regel keine Reise- und Tagungsgebühren übernommen werden können. Die Tagungsteilnahme inklusive zwei Übernachtungen und Verpflegung beträgt voraussichtlich 190 Euro/ermäßigt 148 Euro. Stipendien zur Teilnahme an der Tagung können beantragt werden. Stipendien zur Teilnahme an der Tagung können beantragt werden.
Kontakt
inken.schmidtvoges[:]uni-marburg.de
claudia.opitz[:]unibas.ch
monika.mommertz[:]unibas.ch
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